Ein scheinbar harmloses Ritual

„Jetzt entschuldige dich bitte.“ Kaum ein Satz ist im pädagogischen Alltag so etabliert – im Waldkindergarten ebenso wie im familiären Kontext. Er wirkt höflich, sozial erwünscht und ordnend.
Doch genau diese Selbstverständlichkeit macht ihn pädagogisch gefährlich. Denn das ritualisierte Einfordern einer Entschuldigung erzeugt Anpassung, nicht Verantwortung. Es beendet Konflikte formal, ohne sie innerlich zu bearbeiten.
Gerade in der Naturraumpädagogik, die Beziehung, Selbstwirksamkeit und Erfahrungslernen in den Mittelpunkt stellt, steht diese Praxis in einem deutlichen Spannungsverhältnis zu den eigenen pädagogischen Grundannahmen.
Warum erzwungene Entschuldigungen keine Verantwortung fördern
Eine Entschuldigung hat nur dann pädagogischen Wert, wenn sie freiwillig, verstanden und emotional getragen ist. Wird sie eingefordert, dient sie einem anderen Zweck: der schnellen Wiederherstellung äußerer Ordnung. Das Kind lernt, dass ein bestimmtes Wort sozialen Druck beendet – unabhängig davon, ob es verstanden hat, was geschehen ist oder welche Wirkung das eigene Handeln hatte.
Entwicklungspsychologisch ist das konsequent erklärbar. Kinder im Vorschulalter verfügen noch nicht über eine stabile Fähigkeit zur Perspektivübernahme. Sie erleben Emotionen unmittelbar, können aber Ursache, Wirkung und Verantwortung oft noch nicht verknüpfen. Eine eingeforderte Entschuldigung überfordert sie kognitiv und emotional – und ersetzt Lernen durch Anpassung.
Forschung zur Moralentwicklung zeigt, dass moralisches Handeln nicht durch Regeln entsteht, sondern durch Beziehungserfahrung und Selbstreflexion (Piaget; Kohlberg). Die Entschuldigung als Ritual umgeht genau diesen Prozess.
Die verdeckte Verantwortungsverschiebung
Ein besonders kritischer Aspekt wird häufig übersehen: Die eingeforderte Entschuldigung verschiebt die Verantwortung für den weiteren Prozess vom handelnden Kind auf das betroffene Kind.
Mit dem Satz „Ich habe mich entschuldigt“ endet die Zuständigkeit implizit. Der Konflikt gilt als abgeschlossen – nicht, weil er bearbeitet wurde, sondern weil ein soziales Signal gesetzt wurde. Das betroffene Kind steht nun unter dem unausgesprochenen Druck, die Entschuldigung anzunehmen, zu vergeben und den Konflikt zu beenden.
Damit trägt es plötzlich Verantwortung für den sozialen Frieden, obwohl es nicht gehandelt hat. Ablehnung oder Zeitbedarf werden schnell als unkooperativ interpretiert. Diese Dynamik ist pädagogisch problematisch und widerspricht grundlegenden Prinzipien gewaltfreier und bindungsorientierter Pädagogik.
Verantwortung ist nicht delegierbar
In der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg ist Verantwortung unteilbar. Wer handelt, bleibt verantwortlich – auch für die Folgen, auch für den Beziehungsprozess danach. Eine Entschuldigung ohne anschließende Handlung ist keine Verantwortungsübernahme, sondern eine Entlastungsstrategie.
Echte Verantwortung zeigt sich nicht im Wort, sondern im Tun:
- Wahrnehmen der Wirkung des eigenen Handelns
- Bereitschaft zur Wiedergutmachung
- Akzeptanz, dass Versöhnung Zeit braucht und nicht erzwingbar ist
Das betroffene Kind schuldet dabei nichts: keine Annahme, keine Vergebung, keine emotionale Entlastung des anderen.
Der Wald als Lernraum ohne soziale Abkürzungen
Der Waldkindergarten bietet einen besonderen pädagogischen Vorteil: Konflikte lassen sich nicht sprachlich wegmoderieren. Ein zerstörter Bau bleibt sichtbar. Ein verletztes Gefühl verschwindet nicht durch ein Wort. Beziehungen müssen real repariert werden.
Wenn Erwachsene hier nicht vorschnell eingreifen, entsteht ein Lernraum, in dem Kinder Verantwortung handlungsorientiert erfahren können. Ein Kind, das einen Schaden verursacht hat, wird nicht zur Entschuldigung gedrängt, sondern bleibt im Prozess: Was ist passiert? Was braucht es jetzt? Was kann ich beitragen?
In solchen Situationen entstehen oft echte soziale Lernmomente – ohne moralischen Druck, aber mit nachhaltiger Wirkung.
Was Kinder stattdessen lernen sollten
Der pädagogische Perspektivwechsel ist klar: weg vom sprachlichen Ritual, hin zur prozesshaften Verantwortung.
Bewährt haben sich Interventionen wie:
- beschreibende Beobachtung statt Bewertung
- Benennen von Wirkung ohne Schuldzuweisung
- Zeit lassen statt sofortiger Auflösung
- offene Fragen nach Gefühlen, Bedürfnissen und Ideen zur Wiedergutmachung
So wird Empathie nicht eingefordert, sondern ermöglicht. Verantwortung bleibt beim Handelnden, Beziehung beim gesamten System.
Die Perspektive der Befürworter – und ihre Grenze
Häufig wird argumentiert, dass Kinder soziale Höflichkeit lernen müssten und eine Entschuldigung Anerkennung für Betroffene darstelle. Dieser Gedanke ist nachvollziehbar – solange die Entschuldigung nicht als Abschluss missverstanden wird.
Problematisch wird es dort, wo die Entschuldigung den Prozess ersetzt. Dann entsteht formale Ordnung, aber keine innere Klärung. Langfristig fördert das keine sozialen Kompetenzen, sondern emotionale Anpassung.
Indikatoren für gelingende Praxis
Ob Verantwortung tatsächlich übernommen wird, zeigt sich nicht an Worten, sondern an Prozessen. Relevante Indikatoren sind:
- selbstinitiierte Wiedergutmachung
- kein sozialer Druck zur Versöhnung
- zeitlich offene Konfliktprozesse
- zunehmende Selbstregulation der Kinder
Steigen diese Indikatoren, sinkt der Bedarf an ritualisierten Entschuldigungen deutlich.
Verantwortung bildet – Entschuldigung entlastet
Die eingeforderte Entschuldigung ist bequem, aber pädagogisch kurzsichtig. Sie entlastet Erwachsene, beschleunigt Abläufe und verschiebt Verantwortung auf die Falschen. Kinder lernen dabei nicht, Verantwortung zu übernehmen, sondern Erwartungen zu erfüllen.
Im Waldkindergarten wie zu Hause liegt eine große Chance darin, Konflikte nicht zu beenden, sondern zu begleiten. Weniger Worte, mehr Verantwortung – das ist keine Nachsicht, sondern anspruchsvolle Bildungsarbeit.
Eine echte Entschuldigung entsteht dann oft von selbst. Und genau dann hat sie Bedeutung.
(Tobias Schießer, Standortleitung Regenfarnies, Vorstand)
