
Diese Frage hören wir immer wieder. Und sie ist absolut verständlich. Denn natürlich möchten wir alle, dass Kinder gesund und sicher aufwachsen.
Die kurze Antwort lautet:
Weil Kinder nicht dadurch sicher werden, dass sie nie Herausforderungen erleben, sondern dadurch, dass sie lernen, mit ihnen umzugehen – Schritt für Schritt und gut begleitet.

Der Unterschied zwischen Gefährdung und kalkuliertem Risiko
Diese beiden Begriffe werden im Alltag oft gleich verwendet. Für uns gibt es jedoch einen wichtigen Unterschied. Eine Gefährdung ist etwas, das ein Kind noch nicht erkennen oder beherrschen kann und das ohne eingreifen zu schweren Verletzungen führen wird. Solche Situationen versuchen wir konsequent zu vermeiden. Dazu gehören zum Beispiel morsche Bäume oder herabfallende Äste, Straßenverkehr, Sturm oder giftige Pflanzen oder andere ernsthafte Gefahren.
Deshalb überprüfen wir unsere Plätze regelmäßig, beobachten Wetter und Wald sehr genau und orientieren uns an unserem Schutzkonzept. Sicherheit ist keine Nebensache – sie ist die Grundlage unserer Arbeit.
Ein kalkuliertes Risiko sieht anders aus. Das ist eine Herausforderung, die ein Kind – mit unserer Begleitung – bewältigen kann. Dabei darf auch einmal etwas schiefgehen.
Ein Kind kann beim Klettern abrutschen. Beim Schnitzen kann ein kleiner Schnitt entstehen. Beim Balancieren kann es herunterfallen.
Das sind Erfahrungen, die Kinder nicht nur körperlich machen. Dabei können natürlich auch mal Verletzungen entstehen. Beim Schnitzen kann ganz schön Blut fließen. Aber normalerweise sind diese Verletzungen, wenn sie denn mal passieren, nicht lebensgefährlich. Und gleichzeitig eröffnen wir den Kindern damit große Lernchancen. Sie lernen dabei ihre eigenen Fähigkeiten einzuschätzen, aufmerksam zu sein und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Entwicklung entsteht durch eigenes Tun
Kein Kind lernt Gleichgewicht durch Zuschauen. Kein Kind lernt Schnitzen aus einem Bilderbuch. Und kein Kind entwickelt Mut, wenn Erwachsene jede Herausforderung vorher aus dem Weg räumen. Kinder lernen durch eigene Erfahrungen. Sie probieren aus. Sie beobachten. Sie schätzen Situationen ein. Sie machen Fehler. Und sie merken: „Das kann ich schaffen.“ Genau daraus entsteht Selbstvertrauen.
So sieht das bei uns im Wald aus
Wenn ein Kind auf einen Baum klettern möchte, heben wir es nicht einfach nach oben. Wir
beobachten: Traut sich das Kind die Situation zu? Ist der Baum geeignet? Kann das Kind selbst wieder herunterkommen? Braucht es einen kleinen Impuls oder reicht unsere Nähe?
Manchmal begleiten wir mit Worten. Manchmal stehen wir einfach daneben. Und manchmal sagen wir auch: „Heute noch nicht.“ Nicht jede Herausforderung passt zu jedem Kind und nicht jeder Tag ist gleich.
Auch beim Schnitzen gilt: Wir erklären den sicheren Umgang mit dem Messer, sprechen Regeln
gemeinsam durch und bleiben in der Nähe. Das Ziel ist nicht, dass niemals etwas passiert. Das Ziel ist, dass Kinder lernen, verantwortungsvoll mit Werkzeug umzugehen.
Ähnlich ist es beim Feuer oder bei Streitigkeiten unter Kindern. Wir greifen nicht sofort ein, sobald es schwierig wird. Stattdessen begleiten wir die Kinder dabei, Lösungen zu finden und Erfahrungen zu sammeln – immer so, dass niemand gefährdet wird.
Was Kinder dadurch fürs Leben lernen
Kinder, die Herausforderungen erleben dürfen,
- entwickeln ein gutes Gespür für ihre eigenen Fähigkeiten,
- lernen Risiken einzuschätzen,
- übernehmen Verantwortung,
- gehen achtsamer mit sich und anderen um,
- bleiben auch in schwierigen Situationen handlungsfähig.
Das können wir Erwachsene ihnen nicht abnehmen. Wir können ihnen nur den passenden Rahmen dafür geben.
Unser gemeinsames Ziel
Vielleicht geht dein Kind mit schmutzigen Hosen, einer kleinen Schramme oder einer spannenden Geschichte nach Hause. Was wir uns wünschen, ist etwas viel Größeres: Dass dein Kind nach und nach sagen kann:
„Ich habe mich getraut. Ich habe es ausprobiert. Und ich habe gemerkt: Ich kann das.“
Genau solche Erfahrungen tragen Kinder ein Leben lang in sich.
(Tobias Schießer, geschäftsführender Vorstand, kommissarische pädagogische Gesamtleitung)
*) wir nutzen vermehrt KI für unsere Bilder um die Persönlichkeitsrechte unserer Kinder zu schützen.
